| Einführung |
Die Medien berichten immer wieder über die Zuwanderung nach Deutschland: über die hohe Zahl der Zuzüge und das Wanderungssaldo, Asylbewerber und Arbeitsmigranten, Integration und Abschiebung. Der Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn wird meist nur über die Anzahl der Wähler rechtsradikaler Parteien gezogen. Dabei fehlt oft das Wissen um die spezielle Migrationsgeschichte in den einzelnen Ländern. In diesem Artikel möchte ich die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Zuwanderung in ausgewählten EU-Staaten beleuchten.
| Deutschland |
Die Geschichte der Zuwanderung in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg ist wohl bekannt und lässt sich in aller Kürze so darstellen: bis 1955 kommen fast 9 Mio. deutsche Vertriebene und Kriegsflüchtlinge (17,4% der Bevölkerung der BRD), seit den 60ern bis 1974 dominiert die Gastarbeiterwanderung. Es kommen vor allem Italiener, Griechen, Jugoslawen und Türken, außerdem wenige Marokkaner und Tunesier. Nach dem Anwerbestopp 1974 kehren viele Gastarbeiter zurück oder holten ihre Familienangehörigen nach. Der Familiennachzug spielt bis heute eine wichtige Rolle. In den 80ern und vor allem in der ersten Hälfte der 90er Jahre kommen zunehmend Asylbewerber, Flüchtlinge und Aussiedler.
Nach Angaben des Berichtes der Zuwanderungskommission lebten Ende des Jahres 2000 7,3 Millionen Ausländer in Deutschland, darunter 5,8 Millionen ausländische Ein- und Zuwanderer sowie 1,5 Millionen in Deutschland geborene Ausländer. Darüber hinaus befinden sich in Deutschland schätzungsweise 3,2 Millionen Menschen, die als Aussiedler oder Spätaussiedler zugewandert sind, und rund eine Million Menschen, die im Inland eingebürgert wurden.
| Wanderungsmuster in Europa |
Wie sehen die Wanderungsmuster in anderen europäische Ländern aus? Ich werde im Folgenden für ausgewählte Länder der Europäischen Union ebenfalls eine kurze Zusammenfassung erstellen. Es gibt vier Gruppen von Migranten, die in den einzelnen Staaten Europas unterschiedlich ins Gewicht fallen: 1. Koloniale und postkoloniale Migranten; 2. Ethnische Migranten; 3. Arbeitsmigranten und deren Angehörige und 4. Asylbewerber und Flüchtlinge.
Alle Staaten, die bis zum Zweiten Weltkrieg Kolonien hatten, haben bis heute Zuwanderung aus diesen Ländern. Zum einen kehren im Zuge der Unabhängigkeit Europäer in ihre Heimatländer zurück. Zum anderen haben die Einheimischen meist einen leichteren Zugang zum ehemaligen Mutterland, so dass sich Netzwerke entwickeln, die bis heute über die Familienzusammenführung oder aufgrund von Arbeitskräftebedarf bestehen. Ethnische Migranten kehren aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit in ihre "Nation" zurück. Das sind vor allem deutsche Aussiedler, aber auch andere Nationalitäten in Osteuropa wie z. B. Türken aus Bulgarien oder dem ehemaligen Jugoslawien.
Die Hauptanwerbeländer (Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Belgien, die Niederlande und Schweden) holen bis etwa 1974 Arbeitskräfte in ihr Land, die wie in Deutschland zum Teil bis heute dort leben und Zuwanderungsnetzwerke über die Familienzusammenführung aufgebaut haben. Asylbewerber und Flüchtlinge kommen auch in die anderen europäischen Länder. Der große Anteil der Asylbewerber in Deutschland Anfang der 90er Jahre liegt vor allem an der langen Außengrenze im Osten, die nach dem Fall der Mauer gänzlich offen war, sowie den engeren Beziehungen zu Ländern Osteuropas wie Jugoslawien und Rumänien, die in der unsicheren Zeit des Umbruchs die Wanderungsströme nach Deutschland geführt haben. Anfang der 90er Jahre wurden noch über 50% der Asylanträge in der EU in Deutschland gestellt, 2000/2001 sind es nur noch rund 20%, was ungefähr dem Bevölkerungsanteil Deutschlands in der EU entspricht.
| Datenvergleich |
Schwierig ist der Vergleich der Zahlen von Ausländern, da sehr unterschiedliche Kategorien verwendet werden. Die Daten werden aus Melderegistern, durch Volkszählungen, über Aufenthaltserlaubnisse oder wie in Großbritannien aus einer Arbeitskräfteerhebung (Labour Force Survey) gewonnen. Die Zahl der "Ausländer" (Menschen mit ausländischem Pass) ist auch abhängig von der Einbürgerungspraxis. In Großbritannien oder in Frankreich zum Beispiel sind zahlreiche Ausländer schon eingebürgert und zählen als Einheimische.
| Frankreich |
Beginnen möchte ich mit der Migrationsgeschichte unseres großen Nachbarn Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der hohe Arbeitskräftebedarf durch Arbeitsmigranten aus Italien, Spanien und der Kolonie Algerien gedeckt. Während des Kampfes um die Unabhängigkeit Algeriens wandern rund 1 Mio. dort niedergelassene Franzosen (pied noirs) zurück in ihr Mutterland. Nach der Unabhängigkeit 1962 wird die Zuwanderung aus der ehemaligen Kolonie begrenzt und dafür vor allem Portugiesen, aber auch Türken und Marokkaner angeworben. 1974 stoppt die französische Regierung aufgrund der Weltwirtschaftskrise und rassistischer Übergriffe in Frankreich die Rekrutierung von Arbeitskräften. Die Wanderungsströme reduziert sich drastisch. An die Stelle der Arbeitsmigration tritt nun in geringerem Maße die Familienzusammenführung. Vor allem Marokkaner machen von dieser Möglichkeit der Zuwanderung Gebrauch. In den 80er und 90er Jahren gewinnt die Asylmigration ebenfalls an Bedeutung (20-60.000 Asylanträge/Jahr).
1999 leben rund 3,3 Mio. Ausländer in Frankreich, davon wurden etwa 500.000 in Frankreich geboren. Dazu kommen rund 1,5 Mio. im Ausland Geborene mit heute französischer Staatsangehörigkeit, u. a. die Kolonialheimkehrer aus Algerien aus den 50er und 60er Jahren. Die größten Zuwanderergruppen (d. h. im Ausland geborene mit ursprünglich fremder Staatsangehörigkeit, 4,3 Mio.) sind Portugiesen (13%), Algerier (13%), Marokkaner (12%), Italiener (9%) und Spanier (7%, alle 1999).
| Großbritannien |
In Großbritannien ist die Zuwanderung vor allem auf koloniale Beziehungen zurückzuführen. Eine Arbeitsmigration aus den klassischen Anwerbeländern Süd- und Südosteuropas gibt es nicht. Der Arbeitskräftebedarf nach dem Zweiten Weltkrieg ist nicht so hoch wie in Deutschland oder Frankreich und wird mit Zuwanderern aus Irland und den ehemaligen Kolonien gedeckt. Die Gesamtwanderungsbilanz Großbritanniens ist bis Mitte der 80er Jahre negativ, d. h. mehr Briten wandern aus als Ausländer zuziehen. Heute ist ein Großteil der Zuwanderung auf den Familiennachzug aus Südasien zurückzuführen. Die Asylzuwanderung setzte erst in den 90er Jahren ein. Die bisher höchste Anzahl von Asylanträgen wird 2000 mit knapp 100.000 erreicht.
Die Statistik weist für Großbritannien nur 2 Mio. Ausländer (1996) aus. Diese niedrige Zahl liegt vor allem daran, dass in Großbritannien geborene Kinder leicht die britische Staatsangehörigkeit erhalten. Die meisten Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit stammen aus Irland (440.000) und Südasien (Indien, Pakistan und Bangladesch: 270.000), aber auch der Karibik und Afrika (über 250.000). Darüber hinaus leben in Großbritannien aufgrund der besonderen Beziehungen Staatsangehörige aus den USA und Kanada (136.000) sowie Australien und Neuseeland (ca. 80.000, alle 1992). Ein anderes Bild ergibt sich bei der Betrachtung der ethnischen Zugehörigkeit, die unabhängig von der Staatsangehörigkeit die Selbsteinschätzung der Menschen zeigt. 1998 sind die größten Gruppen Inder (944.000), Pakistani (568.000), Bangladeschi (234.000), Schwarze aus der Karibik (501.000) und Schwarzafrikaner (353.000).
| Niederlande |
In den Niederlanden sind die ersten Zuwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg rund 300.000 Menschen aus Indonesien mit überwiegend europäischer Herkunft, aber auch Molukker, die nach dem blutigen Unabhängigkeitskrieg 1945-49 in das Mutterland zurückkehren. Bis etwa 1960 überwiegt die Auswanderung von Niederländern. Danach bis wiederum Mitte der 70er Jahre werden Arbeitskräfte vor allem aus der Türkei, Marokko, Spanien und Italien angeworben. Mit der Unabhängigkeit Surinams 1975 wandert rund ein Drittel der dortigen Bevölkerung aus, gut 300.000 wohnen heute in den Niederlanden. Die Bevölkerung aus den autonomen Teilen des Königreichs Niederlande wie NL-Antillen, Aruba und St. Martin besitzt die niederländische Staatsangehörigkeit und kann sich frei bewegen. Etwa 100.000 leben im Mutterland. In den 80er und 90er Jahren dominiert der Familiennachzug und die Asylzuwanderung. Seit Mitte der 80er Jahre stellen rund 20-50.000 Menschen jährlich einen Asylantrag in den Niederlanden.
Aufgrund der hohen Einbürgerungsquote in den 90er Jahren sinkt die Anzahl der Ausländer von knapp 800.000 (1994) auf rund 670.000 im Jahr 2001. Darüber hinaus zählen die Statistiker in den Niederlanden diejenigen, von denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde (Allochtone). 2001 leben knapp 2,9 Mio. Allochtone in den Niederlanden, davon wurden 1,5 Mio. im Ausland geboren und 1,4 Mio. in den Niederlanden. Der Vergleich Ausländer und Allochtone zeigt das Maß der Einbürgerung bei den größten Zuwanderungsgruppen besonders deutlich. 2001 leben rund 100.000 Bürger türkischer Nationalität in den Niederlanden, zum Vergleich 320.000 Menschen, von denen mindesten ein Elternteil in der Türkei geboren ist. Bei Deutschen sind es 55.000/400.000 Ausländer/Allochtone, Marokkaner 111.000/273.000 oder Surinamer 8.500/310.000.
| Mittelmeerländer |
Die Länder Italien, Spanien, Portugal und Griechenland sind nach dem zweiten Weltkrieg wichtige Herkunftsländer für die Arbeitsmigration nach Mitteleuropa. Dies hat sich heute geändert. Nach und nach wandeln sie sich zu Einwanderungsländern. Zuerst wird das Wanderungssaldo Anfang der 70er Jahre in Italien positiv, dann in Spanien und Griechenland und schließlich in den 80ern in Portugal. Auf die wachsende Zahl von Zuwanderern sind diese Länder nicht vorbereitet. Es gibt kaum Daten oder Regelungsbemühungen. Erst in den 90er Jahren wird im Rahmen der europäischen Asylpolitik versucht, die Zuwanderung zu steuern.
| Italien |
In Italien kommen die ersten Zuwanderer als Arbeitsmigranten Ende der 60er Jahre. Jugoslawen arbeiten in der Industrie im Norden Italiens, Marokkaner und Tunesier im Süden in der Landwirtschaft. In den 70er Jahren arbeiten Frauen von den Kapverdischen Inseln, den Philippinen und aus Äthiopien in italienischen Haushalten. In den 80ern und 90ern gibt es überdies Zuwanderung aus Afrika südlich der Sahara (Senegal, Ghana, Nigeria), dem indischen Subkontinent und China. Eine große Zahl von Flüchtlingen kommt in den 90er Jahren aus dem krisengeschüttelten Balkan. Ende 2000 hatten 1,4 Mio. Ausländer eine Aufenthaltserlaubnis. Die größten Gruppen sind Marokkaner (160.000), Albaner (142.000), Rumänen (69.000), US-Amerikaner (47.000), Tunesier (45.000) und Jugoslawen (40.000).
| Spanien |
Spanien zieht seit den 80er Jahren nicht nur Migranten an, die dort arbeiten wollen, sondern auch viele sonnenhungrige Menschen aus nördlichen Ländern wie Deutschland oder Großbritannien, die ihr weiteres Leben im Süden verbringen wollen. Von den rund 900.000 Ausländern in Spanien Ende 2000 sind 74.000 Briten, 60.000 Deutsche und 42.000 Franzosen. Die Arbeitsmigranten finden ihr Auskommen vor allem im Hotel-, Einzelhandel- oder Baugewerbe, aber auch in der Landwirtschaft oder als Haushaltshilfen. Sie kommen zunächst aus Portugal (Ende 2000: 42.000 Menschen) und Marokko (200.000), in den 80ern zusätzlich aus China (29.000) und den Philippinen (13.000). Außerdem besteht eine Verbindung zu Südamerikanischen Ländern wie Ecuador (31.000), Peru (28.000), die Dominikanische Republik (26.000) oder Kolumbien (25.000). Aufgrund der lockeren Einwanderungskontrollen bis in die 90er Jahre gibt es wie in den übrigen Mittelmeerländern viele illegale Migranten. In zwei Legalisierungsaktionen 1985 und 1991 bekommen insgesamt über 100.000 Menschen einen legalen Aufenthaltsstatus.
| Resümee |
Diese Auswahl europäischer Länder zeigt das gesamte Spektrum der Zuwanderung in Europa. So hat jedes Land seine spezielle Migrationsgeschichte, die sich in das europäische Muster einfügt. Wie in allen Regionen dieser Welt gehört die Wanderung von Menschen über Grenzen zur Normalität.
© J. König 2002
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Letzte Aktualisierung: 11.03.2003 © Jürgen König